DAS ANGEHALTENE LEBEN
nach dem gleichnamigen Roman von Maurizio Torchio

Nominiert für den Darstellerpreis der Kölner Tanz- und Theaterpreise 2018: Susanne Seuffert
Fotos (c) MEYER ORIGINALS

UA 02.11.2018, Theater der Keller, Köln
Eine Produktion von TheaterBlackBox in Koproktion mit dem Theater der Keller

Mit Daniel Kuschewski, Markus Penne, Susanne Seuffert
Bearbeitung, Sound & Regie: Ulrike Janssen
Bühne & Licht: Dietrich Körner
Kostüme: Maria Strauch
Technik & Bauten: René Goethe, Paul Hollstein
Assistenz: Dorothea Booz, Lidia Polito

Der Roman „Cattivi“ von Maurizio Torchio erschien 2015 bei © Giulio Einaudi Editore, Turin. – Bearbeitung nach der deutschen Übersetzung von Annette Kopetzki. Alle Rechte der deutschen Übersetzung © Paul Zsolnay Verlag Wien 2017. – Alle Rechte für die Bühnenfassung © Ulrike Janssen.

Das Stück
Ein Mann sitzt seit zwanzig Jahren in Isolationshaft. Er kam ins Gefängnis wegen seiner Beteiligung an einer Entführung, später tötete er einen Wärter. In seiner Zelle ist er umgeben von: Nichts. Nichts, das ihn ablenkt, nichts, das ihn berührt, kein Spiegel, der ihm sein Gesicht zeigt. Keine Impulse, die ihn bewegen. Es ist der absolute Stillstand. „Die Jahre des Gefängnisses sind mit denen gefüllt, die vor ihnen lagen.“
Was aber, wenn das Leben davor zu kurz war? Die wenigen Erinnerungen des Protagonisten sind kaum genug, um einen Tag zu füllen. Immer wieder geht er sie durch. Immer wieder bevölkern auch seine Verbrechen seine Gedankenwelt. Er verzerrt sie, spinnt sie weiter, er spielt mit ihnen, weil er nichts anderes hat. Er erinnert sich, er träumt, er hofft. Und fragt sich, ob das noch menschliche Existenz ist – oder einfach nur der Verfall seines Körpers. Denn schließlich: Was sind wir noch ohne die Außenwelt?

 

Das Stück
Stimmen aus dem Gefängnis
„Die Toten, so heißt es, wissen nicht, dass sie gestorben sind.“ *
„Etwas geschah in mir. (…) Als ob jenes berühmte Heer von steinernen Kriegern in mir zum Leben erwachte, welches ein chinesischer Kaiser hatte aufstellen lassen, damit sie sein Grab bewachten. Ein jeder Krieger brachte eine andere Angst, ein anderes Entsetzen mit sich.“ *
„Der Körper verschwindet nicht, er ist die permanente Störung.“ **
„Die Grenzen zwischen Realität und Phantasie waren aufgehoben. (…) Wenn der Tag anbrach, bevölkerte sich der Bunker mit Traumgestalten, meine Frau hat mich zu einem Spaziergang abgeholt, oder meine Tochter. Und man konnte sich auf dem Boden ausstrecken als wäre man am Sandstrand von Malvin.“ ***
„Wie ein Krebs, der sich im Schlamm vergräbt, hatte ich mich im Käfig in der Zeit und in meinen Phantasien vergraben, mir dort ein Nest gebaut und mich von der Außenwelt abgesondert. Wenn ich jetzt an die Sonne ans Licht, ans Leben herausträte, würde dieses Nest zerstört werden. Und ich war mir nicht sicher, dass ich bei meiner Rückkehr die Kraft fände, mir ein neues Nest zu bauen.“ *
„Stille. Eine tiefe dunkle Stille. Kein Ton, keine Bewegung. Das Leben hatte plötzlich haltgemacht. Es war erstarrt. Kalt und leblos. Das Leben war gestorben. Unversehens gestorben. Während ich geglaubt hatte, ich würde sterben, das Leben aber weitergehen, war das Leben gestorben, und ich war noch da.“ *
„Wir mussten mit dem leben, was wir in uns trugen. Und deshalb zogen wir schließlich einen riesigen Vorhang vor die Welt, die uns umgab. Es war ihnen unmöglich, unsere Gedanken, unsere Ideen und unsere Phantasien zu durchsuchen.“ ***
„Bis heute bin ich noch nie im Gefängnis erwacht – nicht ein einziges Mal.“ *
„Den flüchtigen Besuch einer Biene im Bunker, die entfernte Stimme eines Kindes. Das waren die großen Ereignisse des Tages, und wir haben sie bis ins Kleinste ausgekostet.“ ***

 

aus:
* Ahmet Altan: Ich werde die Welt nie wiedersehen. Texte aus dem Gefängnis. Aus dem Türkischen von Ute Birgi-Knellessen, Frankfurt a.M.: S. Fischer, 2018.
** Carola Hilbrand: Saubere Folter. Auf den Spuren unsichtbarer Gewalt. Bielefeld: transcript, 2015.
*** Wie Efeu an der Mauer. Erinnerungen aus den Kerkern der Diktatur. Gespräche zwischen Mauricio Rosencof und E. Fernández Huidobro. Aus dem Spanischen von Lydia Hantke.
Berlin/Hamburg: Assoziation A, 1990.